BIO
Donnerstag, den 21. Mai 2009 um 07:13 Uhr

„Wir melden uns dann drei Wochen vor der Kontrolle an.“

 

So erläuterte der Ansprechpartner einer Bio-Zertifizierungsstelle, was auf uns als frischgebackene Auftraggeber bzw. Inverkehrbringer eines Bio-Produkts zukäme, wenn das Bio-Siegel nach EG-Öko-Verordnung auf dieser Webseite erscheinen soll. Und 500 Euro Jahresgebühr wären natürlich auch zu entrichten – für eine Kontrolle, die mit drei Wochen Vorlauf geschieht? Vielen Dank, darauf können wir verzichten. Oder freiwillig ohne Voranmeldung kontrollieren lassen? „Da sind Sie aber der Erste der das will.“

 

Ganz schön bedenklich – und zwar auch deshalb, weil für den Inhalt des Produkts bereits vom Brauer Gebühren abgeführt werden, die wir natürlich mittragen und somit doppelt zur Kasse gebeten würden. Da wird man doch das Gefühl nicht los, hier soll ein Siegel verkauft werden anstatt einer kompetenten externen Kontroll-Leistung.

 

Bioland war da schon entspannter, wollte keine Doppelzahlung und sich auch nicht für Kontrollen voranmelden. Dennoch werden wir freiwillig etwas zahlen, weil es ja theoretisch die Möglichkeit gibt, heimlich einen zweiten konventionellen Brauer einzusetzen. Eine zusätzliche Kontrolle macht also Sinn, aber eine Kontrolle der Kontrolleure auch – denn die leben schließlich von den Beiträgen der Unternehmen, die sie neutral kontrollieren sollen. Warum werden eigentlich so selten Fälle öffentlich, in denen Firmen bei schweren Verstößen erwischt und Siegel entzogen werden?

 

Aus psychologischer Sicht sind Siegel jedenfalls hilfreich, um Kaufentscheidungen zu erleichtern und Orientierung zu bieten im Dschungel der Produkte und deren Komponenten. Leider werden auch Siegel in der Regel als umso vertrauenswürdiger bewertet, je öfter man sie zu Gesicht bekommt – fatal für kleine, hilfreich für große Anbieter. Aktuell gibt es über 1000 Siegel, wer soll da noch die Übersicht behalten welches glaubwürdig ist?

 

Wir. Damit meinen wir alle Beteiligten, vom Kunden über Zertifizierer und Auftraggeber bis hin zum Hersteller. Besonders letztere sollten sich nicht damit zufrieden geben ein Siegel gekauft zu haben, sondern „Bio“ als gesamtheitlichen Ansatz begreifen, der weit über den Inhalt hinaus geht. Siegel reichen nicht. Durch Weglassen der Schmuckfarben des Kronkorkens (der Klarlack muss bleiben gegen Rost) ließen sich bei 200 Tsd. Flaschen Jahresmenge ca. 3 Liter Farbe sparen – wer 200 Mio. Flaschen pro Jahr macht, könnte also ca. 3000 Liter Farbe sparen. Es wäre auch schön, wenn offener kommuniziert würde dass EU-Bio nur 95 % der Zutaten erfasst, damit Kunden fundierter entscheiden können. Und und und …

 

Würden Sie folgende Wunschlisten ergänzen, und sich vornehmen einen Teil von Ihrer Liste anzugehen?

 

Wir wünschen uns von Getränkeherstellern, dass sie

 

  • - Bio als ganzheitlichen Ansatz begreifen und regelmäßig weitere Aspekte erfassen wie z.B.

  • - die Beschaffungs- und Verteilungslogistik mit in die Ökobilanz von Produkten einrechnen

  • - ehrlich kommunizieren, was ein Bio-Siegel abdeckt und was nicht

  • - auch nicht erfasste Komponenten laufend optimieren (weniger oder kleinere Etiketten, Etikettenpapier aus nachhaltiger Forstwirtschaft, umweltschonender Druck, Deckel mit Innenleben aus Polyethylen, weniger Leim aus Casein, Flaschen in gemeinsamen Leergutpools, dunkle Kisten wegen ihres höheren Recycling-Anteils, weniger Werbematerialien, …)

  • - freiwillig Stoffstrom-Analysen erstellen und nach Optimierungsmöglichkeiten suchen

  • - ggf. auf Absatz verzichten, wenn dafür unmoralisch lange Transportwege für Beschaffung oder Verkauf zurückgelegt würden (und damit gerne werben oder Teilprodukte anpassen)

  • - Preise in Abstimmung mit Händlern so definieren, dass diese keinen besondern Anreiz ergeben Bio-Produkte gegen andere Bio-Produkte auszutauschen, sondern nur Bio-Produkte gegen konventionelle

  • - …

 

Wir wünschen uns von Getränkehändlern und ggf. Gastronomen, dass sie

 

  • - die potenziell höhere Spanne bei Bio-Produkten nicht ausschöpfen, sondern gleiche Aufschläge wie bei konventionellen Produkten berechnen; um die Marktchancen von Bio-Produkten nicht einzuschränken

  • - mit Kollegen und Mitbewerbern kooperieren, um z.B. die Logistik möglichst zusammenzulegen

  • - es nicht akzeptieren wenn Paletten mit Bio-Produkten „im Kreis fahren“ nur weil es mal günstiger ist

  • - …

 

Wir wünschen uns von Kunden, dass sie

 

  • - ein Grundwissen über die wichtigsten Siegel / Zertifikate erwerben, um kompetent kaufen zu können

  • - sich zumindest bei regelmäßig konsumierten Produkten über Hersteller und Händler informieren

  • - gezielt von Herstellern sowie Händlern beziehen, die Bio als ganzheitlichen Ansatz vorantreiben

  • - ...

 

 

(Dieser Text wurde auf Anfrage der Zeitschrift Mixology geschrieben und sollte eigentlich darin erscheinen)

 

 

 

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 21. Dezember 2009 um 15:37 Uhr